ISBN is

978-3-499-22593-2 / 9783499225932

Ein Sportstück

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Edition:Softcover

Language:German

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About the book:

Bruch. Heimatflucht. Partielle Emigration. Als Elfriede Jelinek, die femme fatale der österreichischen Gegenwartsliteratur, vor zwei Jahren erklärte, ihre Stücke seien künftig nur noch außerhalb der Alpenrepublik zu sehen, klang das wie der medienheischende Spleen einer, die Angst vor dem Vergessenwerden hat. "Feigheit und Müdigkeit" im Kampf gegen die "verkommene österreichische Presse", deren "Gegeifere" sie nicht mehr ertragen konnte, gab die stets umstrittene, gelegentlich "Wegbereiterin linken Terrors" genannte Autorin als Motivation an. Als Zeichen der Kapitulation vor den Entwicklungen in ihrem Heimatland wurde sie ihre eigene Rattenfängerin.

Ihr Drama "Stecken, Stab und Stangl", ein Stück über den Mord an vier Roma im Burgenland und die Serie von Briefbombenattentaten, ist damals in Hamburg uraufgeführt worden, und Theater heute wählte es zum Stück des Jahres 1996. Die alliterierten Begriffe im Titel stehen für ein konservatives Plebiszit -- etwas, das Sigrid Löffler als "Verhausmeisterung" Österreichs beschrieben hat. Stangl war Kommandant von Treblinka, Staberl heißt ein Kommentator der Wiener Kronen-Zeitung -- in Jelineks Augen einer derjenigen, die das "Regime des Pöbels" in Österreich vorangetrieben haben. Jeder ist Stab, Stab ist der deutsche Alltag. In dieser Konsequenz sind die Jelinekschen Figuren sich selbst Marionette und einander Abziehbild.

Die Autorin macht sie zu Akteuren in einer Metzgerei, welche zum Zeichen für die Pathologisierung von Vergangenheitsbewältigung wird. In dieser Arena sind die Kunden die Empfänger dessen, was der Fleischer propagiert. Dieser, in seiner Tendenz zur Relativierung vergangener Verbrechen, ist gewissermaßen der Stab der Stäbe -- und als Figur der Spiegel des Kommentators der Kronen-Zeitung.

Alles in dieser Metzgerei wird von den Akteuren allmählich mit rosafarbenem Häkelwerk überzogen. Man strickt sich ruhig, permanent und akribisch. Faden und Maschen sind der Mantel, den man über die Geschichte zieht. Die Häkelmetapher macht deutlich: Vergessen ist schon nicht mehr nur Selbstschutz, sondern gerät zur Manie. Der Imperativ des Heineschen "wir weben" ist von der unauslöschlichen Kampfansage zur triebhaften Verdrängung degeneriert. Nur der Gedenkstein muß noch überwacht werden, sagen die Kunden im Fleischerladen.

Qui parle? Wer führt eigentlich welches Wort? Jelinek schreibt Wortstücke, bei ihr regiert die kontrollierte Konglomerierung -- Phrasen und Sprachhülsen greifen ineinander. Ich will ein "kontrapunktisches Sprachgeflecht" erzeugen, nennt sie das, und so mischen sich Biederkeiten mit Celanschen Lyrikfetzen, Jelinek mit Heidegger zu einem großen allegorischen Zynismus.

Der Text ist unruhig, manchmal fast schon zu dicht, um nicht zu sagen: übertrieben moralisierend gewichtet. Einzelne Passagen verunsichern dann so, daß man nicht weiß, ob man lachen soll, weil man den Bezug kennt, oder weil man damit überrascht wurde. Letzten Endes lacht man inmitten des Gewirrs der lakonischen Konterkarikaturen gar nicht. Die Story, die uns im Drama erzählt werden soll, ist das Drama der Beiläufigkeit in der Welt. Eine Welt, die den Tod zum Smalltalk-Thema macht.

"Ich bin im Grunde ständig tobsüchtig über die Verharmlosung", meint die Jelinek in einem Interview. "Stecken, Stab und Stangl" ist konsequenterweise als Anschlag auf die Zeremonisierung von Trauer gemeint, durch die man sich zu beruhigen sucht. Die von ihrem "Stück-Fleischer" als "doppeltkohlensaure Gletscherspalte" angegriffene Autorin konstruiert eine Scheinwelt -- als Parabel auf eine Welt mit schönem Schein, die sie allerorts wittert.

"Für die, die sprachlos sind oder deren Sprache wir nicht verstehen, zu sprechen, das war mir sehr wichtig." Wenn der Text dann teilweise trivialkabarettistisch gerät, dann drückt man schon mal ein Auge zu -- das moralische Tremolo muß stimmen. Das Trauma wird als Kopf eines deutschen Schäferhundes mit Zeitung in der Schnauze am Ende noch bebildert, und die Didaktik wird beinahe unbeschwert, als der Konservativgeist Fleischer (Die Welt ist ein Rubbellos!) mephistophelisch süffisant droht: "[W]o immer man reibt, kommt der Fleischer zum Vorschein". Nichts wird gut, aber wie es besser wird, weiß auch eine Jelinek nicht. --Ron Winkler

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